Sprachliche Kritik am Ehrendoktor
Der Ehrendoktor ist eine akademische Auszeichnung, die eine Hochschule „ehrenhalber“ verleiht. Sprachlich klingt das zunächst harmlos: ein Dank, eine Würdigung, ein Zeichen der Anerkennung. In der öffentlichen Wirkung ist der Begriff aber deutlich stärker aufgeladen. „Doktor“ ist im Deutschen kein neutrales Wort, sondern ein Statussignal.
Genau hier setzt die sprachliche Kritik an: Wenn ein Wort gleichzeitig Ehre, Wissenschaftsnähe und gesellschaftliches Prestige transportiert, entsteht schnell der Eindruck, es gehe weniger um die Sache als um den Rang. Diese Spannung ist der Kern der Debatte zwischen „Titelinflation“ und „Ehrtradition“.
Juristisch ist die Form nicht egal, sondern Pflicht
Die Diskussion über „Titelinflation“ wird in Deutschland schnell juristisch, weil akademische Grade rechtlich geschützt sind. Wer unbefugt einen Doktorgrad führt oder den Anschein erweckt, ihn zu besitzen, riskiert strafrechtliche Folgen nach § 132a StGB. Das betrifft nicht nur Fantasietitel, sondern auch echte Ehrentitel, wenn sie falsch oder irreführend geführt werden.
Der Staat schützt hier nicht „Eitelkeit“, sondern die Öffentlichkeit davor, dass Menschen mit einem Titel Seriosität und besondere Qualifikation vorspiegeln, die so nicht vorliegt.
Wenn der Ehrendoktor wie ein Leistungsdoktor wirkt
Ein häufiger Kritikpunkt ist nicht die Ehrung an sich, sondern ihre sprachliche Verpackung. „Doktor“ ist im deutschen Sprachgefühl eng mit Leistung, Prüfung, Dissertation und wissenschaftlicher Qualifikation verbunden. Wird die Ehrung dann in Situationen genutzt, in denen Kompetenz erwartet wird, kann das Publikum den Unterschied zwischen „erworben“ und „ehrenhalber“ kaum einordnen.
Aus sprachkritischer Sicht entsteht hier ein Kommunikationsproblem: Ein und dieselbe Kurzform „Dr.“ funktioniert als universelles Prestigekürzel, während die präzisierende Zusatzinformation „h. c.“ im Alltag leicht untergeht. Genau aus diesem Grund sind Behörden bei der Eintragung und Darstellung von Titeln vergleichsweise streng und verlangen klare, korrekte Formen.
Die Debatte kippt besonders dann in Richtung „Titelinflation“, wenn Ehrendoktorate aus dem Ausland ins Spiel kommen. Denn in Deutschland gilt: Ausländische Grade dürfen grundsätzlich nur geführt werden, wenn die verleihende Institution nach dem Recht ihres Herkunftsstaates zur Verleihung berechtigt ist und der Grad ordnungsgemäß verliehen wurde.
Für ausländische Ehrendoktorgrade wird in der Verwaltungspraxis teils ausdrücklich betont, dass ein „Dr. h.c.“ nur dann führbar ist, wenn die Hochschule auch einen entsprechenden „herkömmlichen“ Doktorgrad verleihen darf. Diese Anforderung soll verhindern, dass Organisationen ohne echtes Gradverleihungsrecht akademisch klingende Ehrenwürden verteilen, die dann im deutschen Sprachraum wie ein echter Doktor wirken.
Tradition der Universität: Ehre als Teil der akademischen Selbstbeschreibung
Auf der anderen Seite steht die Tradition. Universitäten verstehen sich nicht nur als Ausbildungsstätten, sondern auch als Institutionen, die Werte, Wissenschaftskultur und gesellschaftliche Bindungen pflegen. Ehrendoktorwürden sind historisch ein Mittel, besondere Beiträge zur Wissenschaft oder zur Gesellschaft sichtbar zu machen und die Verbindung zwischen Hochschule und Öffentlichkeit zu zeigen.
In diesem Verständnis ist der Ehrendoktor kein „billiger Doktor“, sondern eine symbolische Auszeichnung, die ausdrücklich nicht so tut, als wäre sie eine reguläre Promotion. Sprachlich wird das durch „h. c.“ eigentlich auch sauber markiert – nur funktioniert diese Markierung nicht immer so, wie es das System erwartet.
Der Begriff „Titelinflation“ ist eine Kritikformel. Er meint weniger eine konkrete Zahl als ein Gefühl: Wenn zu viele akademische Bezeichnungen im Umlauf sind, verliert der Titel seine Trennschärfe. In Debatten über den Doktorgrad wird das regelmäßig angesprochen – teils mit der These, dass der Doktor in Deutschland gesellschaftlich überladen sei und deshalb Begehrlichkeiten wecke.
In dieser Logik wird der Ehrendoktor zum Teil derselben Prestigekultur: Er liefert ein starkes Statuswort („Doktor“), ohne zwingend den Leistungsweg abzubilden, den die Alltagssprache miterwartet. Genau daraus entsteht der Vorwurf der „Inflation“ – nicht unbedingt, weil Hochschulen massenhaft Ehrendoktorate vergeben, sondern weil das Wort „Doktor“ im Deutschen so stark wirkt.